Rassegna Stampa

4 Gennaio 2005

Welt am Sonntag - Tradition ist Innovation von gestern!!

Weinnotizen von Hendrik Thoma

Vor Kurzem hatten wir im “Louis C. Jacob” eine Verkostung mit der bezaubernden Elisabetta Foradori, Mutter von vier Kindern und Spitzenproduzentin feiner, italienischer Weine. Alle Anwesenden waren absolut entzückt von der natürlichen Schönheit der Winzerin und ihrem großen Talent für Erzählungen.
Mitte der 80er Jahre hatte Elisabetta das Weingut ihrer Eltern übernommen. Die Gegend dort, am Fuße der norditalienischen Alpen, genauer in Mezzolombardo im Trentin, ist von Tourismus und einfachen, sehr dürftigen Weinen geprägt. Sicherlich hätte Elisabetta sich dennoch ein gutes Auskommen gesichert, wenn sie den Betrieb so weitergeführt hätte wie vor ihrer Übernahme. Doch Elisabetta wollte mehr.
Dafür mußte sie aber mit ihrem Spitzenwein Granato aus der recht unbekannten Teroldego-Rebe (der 99er zu 31,50 Euro pro Flasche, über Alpina Tel. 08241/500 51 46) einen steinigen Weg zurücklegen, an dessen Ende eine Erfolgsstory des italienischen Weinbaus stand. Niemand im von Männern dominierten Weingeschäft hatte einer Frau zugetraut, mit einer so eigenwilligen Rebsorte jemals an der Spitze mitzumischen. Aber Elisabetta setzte sich durch.
Sie stellte ihr Weingut komplett um. Die Erträge wurden drastisch reduziert und die traditionelle Pergola-Erziehung, die zwar eine große Ernte garantiert, aber mittelmäßige Qualität liefert, auf den konventionelleren Drahtrahmen umgestellt. Elisabetta schaffte neue Holzfässer an und ließ so wenig wie nur möglich im Keller arbeiten. Dafür wurde dreimal soviel Zeit im Weinberg verbracht, um perfekte Trauben zu ernten.
Nach und nach verhalf Elisabetta Foradori der Teroldego-Rebe, die nicht unbedingt zu den Top-Sorten zählt, zu einem stetigen Aufschwung. Und nach wenigen Jahren zählten die einheimischen und internationalen Weinauguren Elisabetta und ihren Granato zu den großen Gewächsen Italiens.
(…) Zurück im “Louis C. Jacob”. Einer der Gäste möchte von Elisabetta Foradori wissen, wie sie auf die Idee gekommen sei, den elterlichen Betrieb umzukrempeln. Sie erzählt daraufhin folgende Geschichte: Sie war Anfang der 80er gerade dabei, den Sonntagsbraten zuzubereiten, als ihre älteste Tochter wissen wollte: “Mama, warum schneidest du bei dem Braten immer die Enden rechts und links ab?” Elisabetta aber konnte nur mit den Schultern zucken. In ihrer Familie sei das schon immer so gemacht worden. Eine Tradition im Hause Foradori.
Immerhin habe sie sich erinnert, daß ihre Mutter ihr einst diesen Schnitt gezeigt hatte und somit fragten Elisabetta und ihre Tochter bei ihr nach. Doch auch deren Antwort war dieselbe, wie die, mit der Elisabetta ihre Älteste vertröstet hatte: Es sei halt immer so gemacht worden.
Damit blieb nur noch der Gang zur Großmutter, der Nonna, vielleicht wußte sie die richtige Antwort? Glücklicherweise konnte sie erklären, warum es die Familien-Tradition der Bratenverstümmelung gab. “Liebe Elisabetta”, sagte sie, “ich will dir erklären, warum ich bei unserem Sonntagsbraten immer die Enden abgeschnitten habe. Es ist ganz einfach.” Die Pfanne die sie seit jeher für den Braten benutzt habe, sei sehr groß gewesen. Aber der Braten, der darin schmoren sollte, war noch viel größer. Deshalb habe sie die Enden abgeschnitten.
Nach einem kurzen Schweigen folgte ein minutenlanger Applaus der Gäste im “Louis C. Jacob”. Sie hatten verstanden, was Elisabetta sagen wollte.

 

torna alla rassegna <
torna alla rassegna < 1319749482logo.jpg
ita | eng